1. Das ist Miguel
  2. Miguel zeichnet seinen Vater
  3. Gegen das Regime
  4. In Kohle erzählt
  5. Untitled Chapter
  6. Niemals aufhören aufzustehen
  7. Seine Mutter Myriam erinnert sich...
  8. "Wir haben alles zurückgelassen"
  9. "Warum soll ich mich verstecken?"
  10. "Deine Freunde sind verschwunden"
  11. "Die Geheimpolizei wollte ihn wegschaffen"
  12. "Für immer ein Rätsel"

Ausradiert

Umrisse eines Lebens

Ausradiert
Umrisse eines Lebens
Das ist Miguel

Er verlor seinen Vater, als er ein Kind war. Miguels Zeichentalent kommt nicht von ungefähr. Sein Vater, Hugo Riveros war als Maler in Chile bekannt. Aber seine Geschichte verschwindet allmählich aus den Gedächtnissen. Hugo Riveros ist einer von Tausenden, die eines Tages "verschwanden".
 

Gegen das Regime

Miguel ist einer von 200.000 Chilenen, die sich ins Exil retten mussten. Viele von ihnen versuchen seitdem, die Erinnerung an die Opfer des Regimes aufrecht zu erhalten. Linke Politiker, Gewerkschafter, Studenten und Guerilleros: 2000 wurden umgebracht, 1200 Menschen "verschwanden", 10.000 erlitten Folter. Hugo Riveros verbrachte seine Zeit häufig im Gefängnis, bevor er brutal getötet wurde. Was er verbrochen hat? Er wandte sich gegen das Regime. Und er zeichnete die Gefühle, die die Menschen während des Regimes nicht äußern durften.

Hugo Riveros wurde im Alter von 28 umgebracht.
Seinen Sohn Miguel sah er nur bei wenigen Gefängnisbesuchen.
Im Foltergefängnis verband man ihm die Augen. Hugo Riveros zeichnete Umrisse, die er manchmal erkennen konnte.
In Kohle erzählt

Nachdem Hugo Riveros umgebracht wurde, blieb nichts übrig, außer wenige Skizzen, die er im Foltergefängnis zeichnete. Umrisse einer furchterregenden Zeit. 1990 nahm die Militärdiktatur ein Ende. Doch die Aufarbeitung der Geschehnisse nahm lange keinen Anfang. Victor Flores Gallardo ist einer der Chilenen, die das ändern wollen. In seiner Dokumentation "Relato en Carbon" ("Geschichte aus Kohle") spürt er die Orte auf, in denen Hugo Riveros sich aufhielt. Das damalige Foltergefängnis ist heute das Gebäude eines Studierendenausschusses. Was sich in diesem Gebäude früher ereignete? Kaum jemand weiß es mehr. Wie viele damals verschwunden sind? Zu viele Leute haben aufgehört nachzuzählen.      

Niemals aufhören aufzustehen

Nachdem Hugo Riveros 1981 umgebracht wurde, fanden Miguel und seine Mutter Myriam Zuflucht in Deutschland. Seitdem machen er und seine Mutter auf das aufmerksam, was in Chile passierte. Eines Tages tauchte eine Kiste mit Zeichnungen in der Schweiz auf. Zeichnungen von Hugo Riveros. Während Pinochets Militärregime wussten viele Leute von außerhalb nicht, wie furchteinflößend das Regime wirklich war. Heute ist es vielen immer noch nicht bewusst - oder nicht mehr.

2010 eröffnete ein Museum in Santiago, das an die Taten des Regimes erinnern soll. Das "Museo de la Memoria" zeigte den Dokumentarfilm über Hugo Riveros im Jahr 2014.

Miguel ist Erbe der Bilder seines Vaters. Seit ein paar Jahren stellt er diese und weitere Zeitzeugendokumente auf seinem Blog aus: hugoriverosgomez.blogspot.de

In Deutschland zeigt das Instituto Cervantes in Bremen den Dokumentarfilm erstmals am 14. April 2015.

Seine Mutter Myriam erinnert sich...

Wir haben uns auf einer Demonstration gegen die Regierung kennengelernt. In der Zeit von Allende. Wir sind nach Santiago gefahren, das war 1971. Schon lange her. Wir waren Teil einer Jugendbewegung. Die Studenten waren auf der Straße. Genau wie heute, für eine freie Bildung. Ich war noch in der Schule, 18 Jahre alt. Mit ungefähr 20 habe ich geheiratet, nach dem Putsch. Da haben wir uns kennengelernt. Hugo war in der Kunstschule. Ich habe Theater gespielt. Deshalb haben wir zusammen gefunden - und wegen der politischen Ideen. Hugo gehörte zur "MIR", eine linke Bewegung.

"Wir haben alles zurückgelassen"

Miguel war Dreieinhalb, fast Vier, als wir nach Deutschland kamen. Man konnte an nichts mehr denken, außer: Ich muss weg. Wir haben alles zurückgelassen. Nicht mal ein Spielzeug habe ich für Miguel mitgenommen. Es ging alles so schnell, es war so gefährlich. Als ich hierher kam, hat mich jemand gefragt: Wo sind Deine Koffer? Ich habe gedacht, welche Koffer? Du kommst mit keinem Gepäck, weil Dein Leben wichtiger ist als alles andere.

Sie haben uns eine schöne kleine Wohnung in Bremen gegeben. In der dreizehnten Etage, in der Mitte ein Park, mit Blick auf die Baumkronen. Und wir waren ganz allein. Ohne Sprache, ohne alles, hattest Du eine Wohnung und warst einsam. Das war für mich der erste Schock. Ich brauchte gar keine Ruhe, vielmehr brauchte ich jemanden, der bei mir ist, eine Familie. Aber wir konnten uns schnell einleben. Miguel wollte so gerne ein Pferd haben. Ich fragte ihn: Wo könnten wir ein Pferd halten? Er sagte: Auf dem Balkon, guck mal, wie schön es draußen ist.

"Warum soll ich mich verstecken?"

Miguel ist während der Militärdiktatur geboren. In einem Unterschlupf zu leben, ist nicht so einfach. Du hast kaum Freunde, du vertraust niemandem, du hast ein anderes Leben, einfach so. Ein Leben voll Angst und Hoffnung.

Sein Vater hat der Presse in Chile gesagt, dass er Bilder von den Geheimagenten im Foltergefängnis gemalt und versteckt hat. Alle dachten, diese Bilder wären bei uns. Als wir Chile verlassen wollten, hat uns jemand von der deutschen Botschaft begleitet. Die Geheimpolizei bedrohte uns auch am Flughafen. Wir sollten nichts im Ausland erzählen, sonst würden sie uns finden und töten. Als wir herkamen, bot uns die Polizei an, dass wir unseren Namen ändern. Da habe ich abgelehnt, weil ich habe gedacht und denke immer noch, warum soll ich mich verstecken?

Hugo hatte einen Vertrag mit einer Galerie hier in Deutschland, in Bremen. Ein Teil der Bilder war hier. Den anderen Teil haben Freunde über Touristen ins Ausland geschmuggelt. Das haben wir dann zusammengestellt. Die Bilder waren erst in Hamburg in einem Privatmuseum. Jetzt sind sie nach Chile zurückgekehrt ins Museo de la Memoria. Ein Teil der Bilder wurden im Gefängnis gemacht, sie sind ein Teil der Geschichte Chiles. Die Chilenen haben das Glück, dass ein Regisseur eine Filmreihe gestartet hat, über anonyme Helden. Nicht nur die berühmten Leute haben gegen die Diktatur gekämpft, sondern auch die normalen Leute, die keiner mehr kennt. Die jungen Zuschauer wussten nicht, dass es diesen Künstler gab. Alle sagten, diese Zeit war die dunkle Zeit von den Künsten in Chile. Aber das ist nicht so.

"Deine Freunde sind verschwunden"

In der Zeit von Allende konntest Du über alles reden, Deine Meinung frei äußern. Nach dem Putsch konntest Du gar nichts mehr. Du durftest nur bis 11 Uhr vormittags auf der Straße sein, nicht mehr als zwei Personen oder Du wurdest festgenommen. Männer mussten ihre Haare kurz tragen, Frauen durften keine Hose anziehen, sonst haben sie sie ihnen zerschnitten. Du hast die Veränderung gesehen und gespürt. Überall war Angst. Du wusstest nicht, ob Deine Nachbarn mit der Junta zusammenarbeiten. Viele Leute sind ermordet worden, besonders von unseren Freunden sind viele "verschwunden", einige sind ins Exil gegangen.

Dann gab es noch die Geheimpolizei. Sie hat die Leute gefangen genommen und gefoltert. Die Presse wurde zensiert. Nirgends konntest Du etwas machen. Die Frauen aber haben sich gut organisiert. Keiner sagt das. Aber die ersten, die auf die Straße gegangen sind, waren die Mütter, die Ehefrauen, die Schwestern von den Männern, die festgenommen wurden. Sie haben ihre Männer überall gesucht.

Elf Jahre hatten wir ein offizielles Verbot, nach Chile zurückzukehren. 1991 war ich eine von wenigen Leuten, die wieder nach Chile zurückkehren konnte. Bis dahin hatten wir keinen Kontakt mit der Familie, denn alle hatten Angst, dass jemandem etwas passieren könnte.

"Die Geheimpolizei wollte ihn wegschaffen"

Miguels Vater wurde eines Tages festgenommen und verschwand zwei Monate lang im Geheimgefängnis. Aber weil das Ausland Druck gemacht hat, konnten sie ihn nicht völlig "verschwinden" lassen. Hugo wurde in ein normales Gefängnis gesteckt. Die Geheimpolizei versuchte mehrfach, ihn von dort zu entführen. Es gab immer Kämpfe der Polizei gegen die Geheimpolizei wegen ihm. 

Der Fehler war, dass er freigelassen wurde, bevor der Prozess zu Ende ging. Wir hatten schon alle Papiere fertig in Deutschland. An einem Samstag haben wir erfahren, dass Hugo im Süden Chiles verbannt werden soll. Er musste zum Rechtsanwalt gehen, um die Sache zu regeln. Es war derselbe Tag, an dem er entführt wurde. Man fand ihn kurz darauf tot auf. Wir vermuten, dass er entführt, gefoltert und umgebracht wurde. Sie haben dann versucht, ihn verschwinden zu lassen, hoch oben im Gebirge haben sie ihn in einen Fluss geschmissen. Aber sein Körper blieb an den Sträuchern hängen, sodass ihn jemand gefunden hat.

"Für immer ein Rätsel"

Hugo hat immer gesagt, wenn ich sterbe und die Möglichkeit habe, werde ich Widerstand ("Resistencia") mit meinem Blut schreiben. Neben dem Körper fand man einen Karton mit seinem Blut. Wir wissen nicht, ob er oder ein anderer das gemacht hat. Das bleibt für immer ein Rätsel.

Published on 4th April 2015

(c) Ananda Bräunig